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Mein Ausstieg bei den Jesus Freaks München

Gepostet von Jocky um 23:18

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Vorbemerkung:
Die nun folgende Darstellung ist meine Sicht der Dinge. Mir ist klar, dass andere die beschriebenen Situationen völlig anders wahrgenommen haben oder darstellen würden. Ich habe die Entwicklungsprozesse natürlich auch verkürzt wieder gegeben oder nur angerissen, weil es ja auch eine öffentliche Erklärung ist, die nicht ins Detail gehen darf und soll. Wenn andere es anders sehen, ist das vollkommen okay. Ich habe mich bemüht, es möglichst so zu formulieren, dass dadurch niemand verletzt wird. Sollte dies dennoch passiert sein, bitte ich schon jetzt um Entschuldigung.

Dieser Blogeintrag ist der schwierigste, den ich seit langem geschrieben habe, denn ich habe die Jesus Freaks München Ende März 2016 verlassen. Ursprünglich wollte ich in diesem Post noch erzählen wie ich überhaupt zu den Freaks gekommen bin und die vielen guten Erinnerungen aufführen, die ich mit ihnen verbinde. Aber das wird denke ich zu lang, deswegen will ich mich hier auf einen kurzen Abriss beschränken und mehr erklären, warum ich mich nach langem Ringen entschieden habe, nach fast 20 Jahren die Jesus Freaks München zu verlassen.

Vorgeschichte
Seit dem Sommer 96 war ich regelmäßig bei den Jesus Freaks München. Ich war damals im CVJM München und hatte über einige Freunde von da schon länger Kontakt mit einigen der Freaks. Ich hatte 95 und 96 einen Freund in Hamburg besucht und war dort auch bei den Freaks. Ich verschlang damals alles, was es in der Presse über die Freaks gab, sah mir einen Beitrag der 3. Programme auf Video an „Die schrillen Jünger vom Kiez“. Beim Christival ´96 in Dresden besuchte ich einen der überfüllten Gottesdienste in der Kirchenruine und war total begeistert von meinem ersten Freakstock in Neudrossenfeld.
Anfangs war ich noch parallel im CVJM und bei den Freaks (damals gab es nur einen Hauskreis mit dem Namen WRZLBRMFT), als dann im Juli ´98 der Convoy nach München kam, langsam wirklich Leute bei den Freaks waren, die wirklich Gemeinde bauen wollten und ich zu einem der Ältesten gewählt wurde, ging ich ganz zu den Freaks. Schweren Herzens verließ ich den CVJM München, der mir viel gegeben und mich sehr geprägt hatte.

Über die Jahre gab es immer Sachen, die ich an den Freaks total toll fand, wo ich mich total zu Hause fühlte. Mehr als bei anderen Christen war bei den Freaks ein großes Zugehörigkeitsgefühl, wir waren Familie. Es gab eine Verbundenheit, auch wenn man auf Freaks traf, die man noch gar nicht kannte.

Es gab aber auch immer Bereiche, die ich nicht so toll fand, die mir Schwierigkeiten bereiteten – in unterschiedlichen Phasen war es einmal die Ortsgemeinde, aber auch auf der Deutschlandebene. Wenn ich dann aber auf überregionale Treffen wie das Willo Freak ging und die Freaks beim Lobpreis sah, wie sie da abgingen und voller Leidenschaft Gott gepriesen haben, in einer Weise wie man das eigentlich nur bei den Jesus Freaks erlebt, wusste ich hier bin ich zu Hause, hier gehöre ich hin – trotz aller Bedenken und Zweifel.

Drastischer Einschnitt: Konzil und die Zeit danach Ein drastischer Einschnitt war für mich das Konzil 2007. Das Event fand ich zwar dringend notwendig, die Art und Weise der Durchführung aber sehr bedenklich. Es wurde Leitung mal so eben ausgehebelt, Leute auf diesem Treffen tierisch verletzt. Nach meiner Einschätzung wurden die Themen, die damals zur Krise geführt hatten, nicht behandelt und blieben somit ungelöst. Mit Entsetzen stellte ich fest wie verletzt die Freaks von Leitung waren. Aber anstatt sich auf den Weg zu machen, wie Leitung denn jesusmäßig und richtig aussieht, wurde eine Struktur gewählt, die Leitung weitgehend aus dem Weg geht, aber irgendwie trotzdem leiten will. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die jeweiligen Jahresthemen wirklich göttlich inspiriert waren, gab es weitgehend keine klaren Ansagen und der normale Jesus Freak blickte auch nicht wirklich durch, wie die Jesus Freaks sich denn nun leiten und strukturiert haben.

Nach meiner Ansicht dümpeln die Jesus Freaks irgendwie vor sich hin, es gibt keine klare Vision – auch wenn hier und da mal irgendwo etwas Feuer und Leidenschaft aufflackerte, die aber dann bald wieder verschwand. Ich fand es so passend, was Mirko mal auf einem Willo sinngemäß sagte: „Früher sind die Freaks einfach ins Flugzeug gerannt und durchgestartet und haben dabei gar nicht gemerkt, dass die Gangway noch gar nicht weg war und dabei Leute hinten runterfielen. Heute sitzen die Freaks im Cockpit und machen tausend Sicherheitschecks, weil man jeden Fehler vermeiden will, dafür kriegen sie den Flieger aber auch nicht hoch.
Abgesehen davon, dass nicht wirklich was vorwärts geht, hat sich eine Kultur der Beliebigkeit und Meinungsvielfalt eingeschlichen. Jeder kann sagen und glauben, was er will. Solange er nur ausdrücklich genug betont, dass dies seine eigene Meinung ist. Was die Bibel zu bestimmten Themen sagt, scheint keine Rolle mehr zu spielen oder wird sich zu Recht gebogen. Ich fand es ja toll, dass sich bei den Jesus Freaks eine ganze Bandbreite an Leuten wohlgefühlt haben. Linke und Konservative, Normalos und Punks, Metaller, Hip Hopper und Popper, Frokis, kirchlich aufgewachsene und freikirchlich geprägte Leute und solche, die vor kurzem erst zum Glauben gefunden hatten.

Ich war froh, dass es bei den Freaks keine festen Doktrinen gibt, die sogar Leute ausgeschlossen hätten, wenn sie nicht das richtige Bekenntnis gehabt hätten oder die richtige Taufe. Aber bei gewissen Themen gibt es meines Erachtens keine Beliebigkeit. Schon länger konnte ich auf dem Willo oder dem Freakstock geistlich nur sehr wenig mitnehmen, den Lobpreis reißt scheinbar auch niemand mehr von den Stühlen (ein Moment, der mich trotz allem wieder mit den Freaks versöhnt hatte s.o.).

Prophetiepool schwierig
Im Prophetiepool war ich ja auch engagiert. Aber auch hier gab es Schwierigkeiten, die sich nicht so ohne weiteres lösen ließen (Details werde ich hier nicht schreiben). Es hätte viel Energie, Nerven und Geduld gebraucht, um dort auf eine Basis zu kommen, mit der wir gut hätten zusammen arbeiten können. Da es aber auf der Deutschlandebene ja schon an so vielen Stellen für mich nicht gepasst hatte, war für mich der Aufwand nicht lohnenswert. Wäre der Pool die einzige Baustelle gewesen und alles andere super, hätte ich den Preis gerne bezahlt.

Die jüngere Geschichte der Jesus Freaks München
Bei den Jesus Freaks München gab es im Herbst vorletzten Jahres wieder einmal einen großen Crash, wo uns neben einem Ältestenpaar auch ne Menge Leute verlassen haben. Wir waren nur noch auf eine Handvoll von Leuten geschrumpft. Diese waren allerdings sehr engagiert. So sahen wir die Krise als Möglichkeit für einen Neustart, durch den wir alles neu machen konnten. Wir hatten keinen Leitungskreis mehr, aber ein monatlich stattfindendes Orgatreffen (Checkertreff). Es gab ein Erwachen, das Gemeindegebet blühte auf, das es vorher jahrelang nicht mehr gegeben hatte (fast die ganze Gemeinde war regelmäßig dabei), eine neue Kreativität entstand, Leute predigten regelmäßig, die das vorher nicht getan hatten. Jeder packte mit an, fragte ob er den Schlüssel nehmen solle.

Mit einem neuen Jesus Freak, der sich kurz vorher bekehrt hatte und durch mich in die Gemeinde kam, tauschte ich mich regelmäßig aus. Durch sein Nachfragen und das Reflektieren mit ihm, wurden mir Sachen bewusst, die ich vorher unbewusst schon wahrgenommen hatte. Er sprach diese Dinge bei einem Checkertreff im Januar an, bei dem ich nicht dabei war. Nachdem ich mich die Rückmeldung schockierte, sprachen wir das Ganze gemeinsam erneut beim nächsten Orgatreffen an. Hier waren dann mehr Leute anwesend und das vorher Gesagte, wurde nochmal in der größeren Runde bestätigt.

Der Ausschlag zum Gehen
Es wurde nun klar gesagt, dass die Meinungsvielfalt auf der Deutschlandebene begrüßt wird und die Leute das hier in München auch so handhaben wollen. Außerdem sprach man sich gegen eine Leitung aus, die klar vorgibt wohin es geht. Mir ist es jedoch wichtig, dass eine Gemeinde zu bestimmten Themen klare Ansagen macht und dass es eine Leitung gibt, die klar voran geht und auch ne Richtung vorgibt. Außerdem ist mir eine Gemeinde wichtig, wo Freiheit für das Wirken des Heiligen Geistes ist und dem viel Raum eingeräumt wird, wo den Geistesgaben hinterhergejagt wird, mehr als nur ein bloßes „offensein“ dafür.

Hatte Gott in den Jahren vorher immer wieder gesprochen, dass ich bei den Freaks bleiben solle, obwohl ich mehrmals drauf und dran war, das Handtuch zu schmeißen, kam nun in letzter Zeit immer wieder, dass etwas Neues dran ist, es Zeit wäre Abschied zu nehmen. Zuletzt im November letzten Jahres gab es das Wort, dass Gott mich an einer Stelle herausnehmen würde, was zunächst für viel Verwirrung und Fragezeichen sorgen würde. Dann würde er mich aber an anderer Stelle wieder neu einpflanzen, was dann zu großer Weite führen würde.

Letztendlich sind diese prophetischen Worte nicht eindeutig auf die Freaks anwendbar. Aber man kann sie sehr wohl darauf beziehen. Zumindest sagt Jesus nicht mehr, dass ich bleiben soll und es gibt eben kaum noch etwas, was mich mit den Jesus Freaks verbindet. Ich bin auf jeden Fall auch nicht mehr in einem Alter, wo ich weitere 20 Jahre warten will und kann, ob sich etwas in die Richtung entwickelt, die ich als gut empfinde. Jetzt wo ich den Entschluss gefasst habe, kam viel Bestätigung, dass es richtig war zu gehen und dass ich mich auf das Neue freuen darf.

Ich muss allerdings sagen, dass mir der Schritt nicht leicht gefallen ist, ich mich ziemlich doof damit fühle und tatsächlich ziemlich verwirrt bin, ich trauere regelrecht… Die Jesus Freaks liegen mir nach wie vor am Herzen, leider ist das was für mich Freaks ausmacht nur noch in homöopathisch  geringen Mengen vorhanden. Ich mache mich erstmal auf die Suche nach einer neuen Gemeinde. Ein Zustand, der für mich völlig neu ist. Ich wusste immer wohin ich gehöre und bin da auch treu geblieben.

Mir fällt es schwer, mir was Neues zu suchen. Wie soll ich eine Gemeinde von außen beurteilen von ein oder zwei Gottesdienstbesuchen? Und daran, dass ich zu einem Gottesdienst in aller Herrgottsfrühe aufstehen muss, muss ich mich auch erst noch gewöhnen.

Ich schaue auf die Zeit bei den Freaks voller Dankbarkeit zurück, erfreue mich an den vielen guten Momenten und natürlich all den lieben Leuten, die ich immer noch Freunde nenne. Ich bin nicht aus der Welt und werde sicherlich hier und da nochmal vorbei  schauen. Und wenn jemand mich für einen Dienst anfragt, bin ich auch gerne zu haben.

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16 Antworten

  1. Sabine Hoffer sagt:

    Hallo grüß dich. Ich bete für dich das du eine neue Gemeinde finden wirst und dich auch wohlfühlst.

    Ich wollte dir sagen ich weiß wie es ist wenn man von einer Gemeinde weggeht wo man geistlich aufgewachsen ist und sich sehr stark investiert hat. Es tut sehr sehr weh.

    Mir hat damals geholfen und durch die Zeit hindurchgetragen, das ich viel in Wort Gottes gelesen habe und Jesus auf eine neue Weise kennenlernen wollte.

    Sei Gesegnet und Gott ist bei dir alle Tage.

  2. Simon sagt:

    Du wirst fehlen mein lieber Jocky. Danke für den aufrichtigen Post mit deiner wertschätzenden Haltung. Ich spüre aber auch den Schmerz. Möge Gott dich weiter zum Segen setzen und die Bewegung heilen. Wir versuchen treu zu sein. Dir viel Weisung und Heilung an dem Ort, den du als nächstes Gemeinde nennen wirst.

  3. Simon sagt:

    Aber noch viel mehr: DANKE für 20 Jahre Weggefährte & Freund von so vielen sein. DANKE!

  4. Martin Dreyer sagt:

    Wir sind durch nichts zu trennen. Aber ich werde Dich auch vermissen. Hoffe Du kommst trotzdem mal zum Freakstock? Danke für alles was Du in den Jahren in die Bewegung investiert hast. Jesus hat alles gesehen.

  5. Jocky sagt:

    Danke, Simon, für deine tollen Worte. Ich werde euch auch vermissen. Bin ja nicht aus der Welt und hier und da auch gerne mal wieder dabei.

    Vor allem die Freunde werde ich vermissen, aber auch die vielen Leute, denen ich dienen durfte… Und auch die Leute, die mir immer wieder mit Wertschätzung begegnet sind und mich und meinen Dienst tatsächlich auch wollten 🙂

  6. Jocky sagt:

    @Martin:
    Irgendwann werde ich wohl auch wieder auf dem Stock sein… Wir sehen uns am Wochenende, Martin. Freue mich sehr darauf!

  7. Frank Hartkopf sagt:

    Lieber Jocky,

    vielen Dank für deinen Treue und deine Leidenschaft in den letzten 20 Jahren! Für mich warst du immer sehr prägend in der Bewegung und ich glaube, dass du was mit aufgebaut hast, was auch in Zukunft ein Segen sein wird bei den Jesus Freaks. Danke für deine großartige Arbeit mit dem Kranken Boten und für deine prophetischen Eindrücke und Bilder!

    Ich kann deine Trauer und deinen Frust gut verstehen, die Jesus Freaks München sind für dich bestimmt wie ein Kind.

    Aber ich freue mich auch darüber, dass du dich auf ein neues Abenteuer mit Jesus einlässt und Schritte in eine unbekannte Zukunft machst.

    Lass uns in Kontakt bleiben!

    Frank

  8. Jocky sagt:

    Lieber Frank,
    sorry, dass ich mich nicht gleich gemeldet habe. Vielen Dank für Deine lieben Worte. Die haben mich sehr berührt. Ich kann selber schlecht einschätzen, wie prägend ich tatsächlich für die Freaks war. Aber ich hoffe doch tatsächlich sehr, dass mein Einsatz auch die Zukunft der Freaks noch positiv beeinflussen wird… und irgendwie wird es den ja auch noch weiterhin geben.

    Auch wenn es mitunter sehr frustrierend war, den DKB damals herausgebracht zu haben, am Ende des Tages war es doch wirklich großer Spaß und auch Segen, die Bewegung mit diesem Organ der Bewegung zu beglücken. War damals auch sehr cool, was Leute da von sich gegeben haben. Sehr abgefahren und kreativ teilweise.

    Ja, die Freaks München sind schon wie mein Kind. Es gab Leute, die vor mir da waren, es gab andere die länger in einer Leitungsfunktion waren, aber keiner war so lange bei den Jesus Freaks München wie ich…

    Mit Jesus wird es weiter ein Abenteuer bleiben, ich bin gespannt was noch so kommen wird. Und wie sich die Jesus Freaks auf allen Ebenen weiter entwickeln werden und wann und wie sich unsere Wege wieder kreuzen oder gar wieder vereinen.

    Über Facebook, diese Seite oder per E-Mail oder gar Skype und Telefon können wir gerne in Kontakt bleiben. Ich freue mich drauf. Es gibt auch die Möglichkeit, den Newsletter zu bekommen.

    Liebe Grüße und Segen
    Jocky

  9. Christian (Chilly) sagt:

    Diesen Blog zu lesen versetzt mich natürlich nicht in Jubelstimmung. Irgendwie hast du immer zu den Freaks dazugehört. Nun ja, das Beste was ich sagen kann ist DANKE!!!!!!!!!!!
    DANKE, für all dein Herzblut, das du investiertes und die Freaks deutschlandweit und in München prägtest.
    DANKE dass Du immer nachdrücklich einen geistlichen Kurs vorgabst und dahingehend prägtest.
    DANKE für all deine wertvollen Gebete und prophetischen Worte.
    DANKE für hochwertige teilweise sehr herausfordernden Predigten.
    DANKE dafür wie du als lebendiges Glaubensvorbild voran gehst und einfach Gott vertraust auch wenn’s schwierig wird.
    DANKE für all die wertvollen Dienste, die du im Hintergrund tatest und jahrelang die Webseite, E-Mail-Verteiler usw. verwaltetest.
    DANKE für deine Leitungsdienste bei den JFM
    DANKE für all die geilen Gebetsabende oder früher sogar Gebetsnächte im Laden.
    Vielen Dank dir Jocky.
    Dies sind all die Dinge, die mir spontan kamen. Natürlich fehlst Du in der Runde, aber das Wichtigste ist immer, dass Du Gottes Wege erkennst und Sie gehst, ob mit oder ohne Freaks. Dafür wünsche ich die von Herzen Gottes Segen und Führung und Erfüllung und völlige Freisetzung deiner Berufung. Amen.

  10. Jocky sagt:

    Danke, lieber Christian, für deine lieben Worte. Schön dass Du gesehen hast, was ich für die Freaks getan habe, manchmal vielleicht sogar mehr als mir selber bewusst war. Danke für alles, was dir eingefallen ist und wofür du Worte gefunden hast.

    Ich hoffe, dass wir uns hier und da noch sehen werden. Gelegenheiten wird es hier und da ja genug geben.
    Und vielleicht treffen wir uns auch einfach mal so zu zweit…

  11. Andreas sagt:

    Hallo Jocky,
    ich bin erst jetzt dazu gekommen den Blogartikel hier zu lesen. Ich denke, dass Du mit ein Grund dafür warst, das die Jesus Freaks München bei allen auf- und ab’s der letzten Jahre nie ganz eingegangen sind. Durch Deine Treue hast Du maßgeblich zum Erhalt der Gemeinde in München beigetragen. Vielen Dank dafür. Was ich ein bisschen schade finde ist, dass Du in Deinem Beitrag Meinungsvielfalt mit Beliebigkeit gleichsetzt (zumindest kommt das bei mir so an). Ich denke, dass man vor Meinungsvielfalt keine Angst haben braucht, solange Jesus das Zentrum ist (damit meine ich die Botschaft von seinem Tod und seiner Auferstehung, Vergebung der Schuld, Gemeinschaft mit Ihm usw.). Was mich auch ein bisschen stört ist, dass sich der Artikel so anhört, als ob wir bei den Jesus Freaks in München generell keine Leitung wollen, was nicht so ist. Wir haben klar definiert, dass der Orgakreis (ich vermeide das Wort “Checkertreff”) aktuell die Gemeinde Leitet, dass wir bei der aktuellen Personenanzahl (9 Leute) auch nicht denken, dass eine klare Leitungsstruktur das wichtigste ist mit dem wir uns aktuell befassen müssen und dass wir uns demnächst aber mit dem Thema auseinandersetzen wollen, weil wir davon ausgehen, dass wir in Zukunft wieder wachsen werden. Das hört sich dann doch etwas anders an als “Außerdem sprach man sich gegen eine Leitung aus, die klar vorgibt wohin es geht” … nur um vorzubeugen dass jemand denkt, wir wären ein anarchistisches Grüppchen, welches keinerlei Strukturen (und schon gar keine Leitung) duldet 😉

  12. Jocky sagt:

    Hallo Andreas,
    danke erstmal für deine Würdigung meiner Zeit bei den Freaks in München. Da ist sicherlich was dran. Aber es gab auch einige andere treue Leute, die der Gemeinde die Stange gehalten haben, wo andere einfach abgesprungen sind – teilweise ohne sich zu verabschieden. Schön dass es die Gemeinde weiterhin gibt.

    Ich habe mit diesem Blogeintrag versucht, einen längeren Prozess zusammen zu fassen und so zu formulieren, dass man es veröffentlichen kann. Da ist vielleicht einiges verkürzt und allgemein dargestellt worden, dass sich unter Umständen ein falsches oder möglicherweise verzerrtes Bild ergibt.

    Meiner Meinung nach müsste man erst die Begriffe “Meinungsvielfalt” und “Beliebigkeit” definieren, bevor wir Aussagen treffen und dann allen Parteien klar ist, was der andere meint, wenn er die Begriffe verwendet.

    Mir ist im Nachhinein klar geworden, dass die kritischen Punkte, die mich u.a. zum Ausstieg bewegt haben, doch nicht so extrem waren, wie ich sie ursprünglich angenommen habe. Glaube aber, dass es schlussendlich mehr um das Neue geht, wo Jesus mich hinführen will, als die Gründe warum ich die Freaks fürs Erste hinter mir gelassen habe. Also mehr um das, wo Jesus mich noch hinführen will, als um das wie das zurück gelassene war.

    Ich bin wie gesagt sehr dankbar für die Zeit bei den Freaks, auch die letzte Zeit. Wir hatten viele sehr schöne Gottesdienste.

    Ich fand es jedoch sehr mühsam, was wir im Checkertreff oder Orgakreis bewegt haben. Ich empfand es als sehr schwierig, dass immer alle über alles reden und abstimmen mussten, dass es aber nicht wirklich jemanden gab, der für einen Bereich verantwortlich war, dass gefühlt nichts vorwärts ging. Ich empfinde es schon als Nichtleitung (das dürfen andere ruhig anders empfinden und gutheißen).

    Wir haben in unserem Hauskreis “Transformers” inzwischen 2 Leiter und es tut den 6 Leuten, die wir sind, sehr gut. Es kommen frische Impulse. Jeder macht sich Gedanken, was im Hauskreis passieren soll. Aber es tut gut zu wissen, dass da jemand verantwortlich ist und immer Sachen iniitiert.

    Mir hat es sich so dargestellt, wie ich es im Blogeintrag auch geschrieben habe. Deswegen habe ich ja vorangestellt, dass der Post meine Wahrnehmung darstellt, dass andere das aber durchaus anders wahrnehmen dürfen.

    Deswegen ist es ja auch gut, dass wir im Dialog sind.

    Ich wünsche den Freaks München, dass sie bald wieder mehr werden und dass sie zahlenmäßiges und inneres Wachstum haben. Da liegt immer noch gewaltiges Potential, genau bei den Leuten, die grade da sind. Als kleine Meute haben wir schon Gewaltiges gestemmt und auf die Beine gestellt. Ich bin gespannt, was man von den Freaks in München in Kürze noch hören wird 🙂

  13. Ingo sagt:

    Hi Jocky,
    vielen lieben Dank für Deinen langjährigen und liebevollen Einsatz, den Du uns JesusFreaks entgegengebracht hast, danke auch für Deine Lehren, Ermahnung, Worte und vor allem für Deine Gegenwart, in der ich mich immer sehr wohl fühlen durfte! Danke für Deine Nähe zu Gott, und das Du uns so oft daran hast teilhaben lassen!
    Ich hoffe, Du kannst die aktuelle Zeit trotzdem genießen, besonders, Du ja erstmal ein gutes Stück weniger Verantwortung trägst und Dich vielleicht anderen Projekten widmen kannst, die man ja oft ewig vor sich her schiebt. Oder Du machst erst mal ne lockere Zeit und nix. Wär ja auch net schlecht … 😉
    Ich werde mich auf jeden Fall freuen, wenn wir uns mal wieder sehen. Ich bin mir sicher, das wir uns mal irgendwo über´n Weg laufen.
    Grüße, Ingo.

  14. Marcel Wehmeier sagt:

    Die Jesus Freaks Bewegung war mal eine geile Bewegung, doch leider ist sie völlig in sich zusammen gebrochen. Denn heute ist sie nur noch eine belanglose evangelikal/ charismatische Freikirche geworden, wo das Libertäre (anarchistische) Christentum keinen Platz mehr hat. Von außen sieht die „Bewegung“ hipp und trendy aus, doch im inneren ist die Bewegung Erzkonservativ und durch die Charta hat man sich im Grunde dem Katholizismus und der Ökumene unterworfen. Eine Ökumene die, die Einheit der Christen auf den Irrlehren der katholischen (Anti)Kirche aufbauen will. Reformation sieht anders aus.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Christlicher_AnarchismusDie Ökumene-Kirchen suchen die Einheit der Kirchen, die Einigung auf eine der vielen Irrlehren

    http://www.graswurzel.net/verlag/ca.shtm

  15. Jocky sagt:

    Hallo Ingo,
    ich stelle grade mit Schrecken fest, dass ich mich noch gar nicht auf deinen Kommentar gemeldet habe. Danke für dein Feedback. Es gab sehr schöne Sachen bei den Jesus Freaks und gibt sie sicherlich immer noch. Ich bin mit einigen Leuten in Kontakt was die jüngsten Entwicklungen auf der Deutschlandebene betrifft. Da ist es momentan sehr spannend. Es steht aber auf der Kippe. Die Jesus Freaks können sich wieder erholen und zu Höhen aufschwingen, die sie selbst in ihren besten Jahren nie erreicht hatten oder sang und klanglos untergehen… So zumindest mein Eindruck. Spannend!

    Lieber Marcel,
    ich kann deinen Beitrag nicht ganz nachvollziehen. Erstens weiß ich nicht, was du mit libertärem anarchistischen Christentum meinst. Denn mir scheint das eher der Fall zu sein, dass die Jesus Freaks zu sehr anarchistisch verseucht sind und deswegen drohen in der Belanglosigkeit zu versinken.

    Und so unterschiedlich und grundverschieden wie die Jesus Freaks schon immer waren und grade jetzt sind, kann ich das nicht bestätigen, dass sie konservativ wären (als Gesamtheit). Und wo du bei der Charta eine Annäherung an Katholiken und Ökumene siehst, musst du mir erklären. Die Charta stellt sich in vielen Punkten zu den Lehren, die die meisten Kirchen heute vertreten. Aber speziell katholisches Gedankengut oder gar eine Unterwerfung kann ich beim Besten Willen nicht erkennen. Man mag den Jesus Freaks einiges vorwerfen, aber genau DAS nicht.

    Was stellst du dir unter Reformation vor? Deine Definition scheint sich von der mir bekannten zu unterscheiden. Leider funktionieren deine Links nicht, die vielleicht zusätzliche Infos geliefert hätten.

  16. Marcel Wehmeier sagt:

    Es gibt sechs Hauptpunkte die ich an den Jesus Freaks bemängele.

    1. Vor der Charta waren Christen dabei, die sich nicht als Trinitarier verstanden. Dazu gehörte ich und etliche andere. Einige sahen in Jesus den Gottessohn und Menschensohn, doch sei Jesus Christus nicht Gott. Andere wiederum (dazu gehöre ich) sagten das Jesus Christus der Gottessohn und Menschensohn sei, den Gott als Gott eingesetzt hat. Jedoch ist Jesus Christus dem Vater untergeordnet. Doch beide Parteien vertraten deutlich die Meinung, das der himmlische Vater der allein wahre Gott ist. Dies sagte Jesus Christus sehr deutlich. Beide Parteien wurde bis aufs Blut bekämpft. Vor allem von den Frokis, die sich gelangweilt von ihren Traditionskirchen abgewandt hatten und eine Heimat bei den Freaks suchten. Leider haben gerade diese Leute den ganzen Traditionsschrott mit in die Bewegung gebracht und machten den Sohn zum Vater.

    2. Vor der Charta waren Christen dabei (dazu gehöre ich), die an die Allerlösung glaubten und diese auch lehrten. Diese Christen wurden wiederum bekämpft. Heute wird vor allem der katholische Schrott der ewigen Verdammnis gelehrt.

    3. Früher waren Christen dabei die nicht die Lehrmeinung vertraten, das der Geist Gottes eine Person sei. Sie vertraten (darunter war auch ich) das der Geist Gottes die Kraft Gottes ist, in der Gott persönlich erfahrbar sei. Sofort wurde mit der Zeugen Jehovas Keule auf uns eingeschlagen.

    4. Leidenschaft für den anderen. Zu oft wurden Jesus Freaks abgewiesen (dazu gehöre ich wiederum) die in materieller Not sich an die verschiedene Gruppen gewendet hatten. Wir Freaks von der Straße brauchten dringend einen Schlafplatz, etwas zu Essen und wenn möglich etwas Kleingeld. Einen Scheiß haben wir bekommen. Wir waren Freaks von der Straße die sich nach solche vermehrten Vorfällen angewidert von den Pseudofreaks abgewandt haben. Mich hat es daher auch nicht verwundert das die „Bewegung“ sich gespaltet hat und das ein großer Teil sich der Wort & Geist Gemeinschaft angeschlossen hat. Denn wenn die Liebe und Leidenschaft für die Jesus Freaks der Straße erlischt, dann macht sich halt ein religiöser Geist breit.

    5. Wer ist ein Jesus Freak? Als diese Frage aufkam schauten wir Freaks von der Straße uns nur fragend an. Ein Freak ist eine Missbildung für die Normalos. So waren wir für die Mainstream Christen ein rotes Tuch. Wir wurden von den Evangelikalen, Pfingstlern, Charismatikern, sowie von den beiden Großkirchen massive angegriffen. Heute stecken die „Jesus Freaks“ doch bis zum Hals im Arsch dieser Mainstream Christen. Dazu kommt noch der widerliche Personenkult innerhalb der Freaks.

    6. Das politische Herz der ersten Jesus Freaks schlug links.

    Sebastian Kalicha (Hg.)
    Christlicher Anarchismus
    Facetten einer libertären Strömung 192 Seiten, 14,90 EUR
    ISBN 978-3-939045-21-2

    “Biblisches Gedankengut führt direkt zum Anarchismus”, meinte der Philosoph und christliche Anarchist Jacques Ellul. Dennoch werden Anarchismus und Christentum selten zusammengedacht. Christliche AnarchistInnen sind aber der Überzeugung, dass eben dies eine große Bereicherung sowohl für den Anarchismus als auch für das Christentum wäre. Der Sammelband geht der Frage nach, wie libertäres Christentum aussehen kann, stellt unterschiedliche christlich-anarchistische Traditionen vor und untersucht diverse Aspekte dieser libertären Strömung und der sich darauf berufenden Bewegung(en). Christlicher Anarchismus wird oft ausschließlich mit Leo Tolstoi assoziiert. Dieses Buch ist der Versuch, den christlich-anarchistischen Diskurs zu verbreitern und die unterschiedlichen Facetten und Debatten zum Thema einzufangen. Die Textsammlung bietet allgemeine Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum, Beiträge, die sich mit libertärer Exegese beschäftigen, Überlegungen zu christlich-anarchistischem Aktivismus sowie Porträts christlicher AnarchistInnen wie Jacques Ellul, Dorothy Day und Ammon Hennacy von der Catholic-Worker-Bewegung oder Peter Chel?icky. “Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung” bietet für AnarchistInnen, ChristInnen, christliche AnarchistInnen und für alle anderen, die sich für das Thema interessieren, einen prägnanten Überblick über christlich-anarchistische Theorie und Praxis.
    Die Intention
    Christlicher Anarchismus? Dieser Begriff mag für viele ChristInnen und/oder AnarchistInnen seltsam anmuten, zu weit scheinen doch die Traditionen des Anarchismus und des Christentums auseinanderzuliegen, als dass es Sinn machen würde, diese zusammen zu denken. Christliche AnarchistInnen sind der Überzeugung, dass dies ein großes Defizit sowohl des Anarchismus als auch des Christentums ist – oder positiv formuliert: dass es für beide eine Bereicherung wäre, dies verstärkt zu tun. Der christliche Anarchismus ist ein facettenreiches, spannendes, geschichtsträchtiges und nicht zuletzt auch ein recht vitales Phänomen, mit einem reichhaltigen Fundus an Theorie und Praxis, Kontemplation und Aktion. Dieser Sammelband zum christlichen Anarchismus ist als Versuch zu verstehen, einen Eindruck von dieser Bandbreite christlich-anarchistischer Theorie und Praxis zu vermitteln, um so – sowohl aus christlicher als auch aus anarchistischer Sicht – eine neue, alternative Perspektive zu bieten, die althergebrachte und oft wiederholte Verdikte in Frage stellt, möglicherweise relativiert oder gar gänzlich aus dem Weg räumt. Diese Textsammlung versucht eine Lücke zu schließen. Nach einer prägnanten Einführung in den christlichen Anarchismus muss man im deutschsprachigen Raum lange suchen und letztendlich ist man häufig auf Texte und Publikationen in anderen Sprachen angewiesen. Während Publikationen zum christlichen Anarchismus Leo Tolstois zwar zumeist einem interessierten Publikum zugänglich waren und sind, so wird eine bloße Beschäftigung mit Tolstoi – so wichtig er auch sein mag – dem gesamten Spektrum des christlichen Anarchismus nicht gerecht. Oft scheint es so, als friste der große “Rest” dieser Strömung zumindest im deutschsprachigen Raum ein Schattendasein. Dieser Sammelband versucht dieses Defizit zu beheben und AnarchistInnen, ChristInnen und allen anderen, die sich für christlichen Anarchismus interessieren, einen ausgewogenen Überblick über diese Ideenlehre und einige ihrer einflussreichsten und interessantesten VertreterInnen zu bieten.
    Es lag im Interesse des Herausgebers einerseits zu versuchen, eine Balance aus theoretischen und praxisbezogenen Texten zu finden und andererseits eine Mischung aus Historischem und Gegenwärtigem zu bieten. Auch dem heterogenen Charakter dieser Bewegung wurde versucht Rechnung zu tragen, weshalb unterschiedliche Interpretationen und Zugänge zu diversen Themen geboten werden: anti-klerikaler christlicher Anarchismus steht neben der Philosophie der Catholic-Worker-Bewegung; VertreterInnen eines passiven Nicht-Widerstands kommen ebenso zu Wort wie AktivistInnen, die für die gewaltfreie direkte Aktion und für aktiven gewaltfreien Widerstand eintreten; ChristInnen unterschiedlicher Konfessionen und “nicht-kirchliche” (Hennacy) ChristInnen werden vorgestellt.
    Die Intention dieses Sammelbandes besteht bis zu einem bestimmten Grad auch darin, unter nicht-religiösen AnarchistInnen ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten. Eine ebenso wichtige Absicht des Buches ist es, ChristInnen eine weitere, progressiv-radikale Facette, sowie eine alternative Interpretation ihres Glaubens näher zu bringen und sie auf einen wenig beleuchteten subversiven Charakter, der dem Christentums heute wie damals potentiell innewohnt, hinzuweisen. Menschen, die sich bereits als christliche AnarchistInnen verstehen, soll dieser Band als Ressource, Nachschlagewerk und Diskussionsbeitrag dienen, von denen es in deutscher Sprache ohnehin nur sehr wenige gibt.
    Es geht auch darum, die christliche Religion nicht so einfach den reaktionären Interpreten und Apologeten oder einem elitären, konservativen Klerus zu überlassen. Dieses Vorhaben ist prinzipiell nicht neu: Die im Sammelband behandelte mittelalterliche (Ketzer-)Bewegung der WaldenserInnen beispielsweise versuchte genau dem nachzugehen und in jüngerer Vergangenheit hatte vor allem die von Lateinamerika ausgehende Befreiungstheologie in größerem Maßstab versucht, das Christentum als emanzipatorische Kraft für einen radikalen sozialen Wandel zu begreifen und zu positionieren. Einem häufig als konservativ und reaktionär gebrandmarkten Christentum soll – unter anderem durch die hier gebotene libertäre Exegese und mit Beispielen aus der Praxis – ein fortschrittlicher, emanzipatorischer, rebellischer und libertärer Entwurf von Religiosität und Christentum entgegengestellt werden, der offen ist für linke, anarchistische und fortschrittliche Bewegungen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten des Status quo engagieren und für einen fundamentalen Wandel eintreten. Es soll ein polemikfreier Diskurs rund um progressives Christentum und Anarchismus eröffnet und weitergeführt und nicht durch die Verlautbarung “der Wahrheit” ein Diskussionsprozess beendet werden.
    Dieser Sammelband will zudem niemanden in die eine oder andere Richtung “bekehren”. Er soll für jene, die – aus welchen Gründen auch immer – am christlichen Anarchismus Interesse haben, einen ausgewogenen Überblick bieten und jenen, die dem Ganzen skeptisch gegenüberstehen, hoffentlich einige neue, differenzierte Einblicke in unterschiedliche Facetten dieser Strömung und Idee näherbringen.
    Der Sammelband
    Den Beginn dieses Sammelbandes macht der Text “Dimensionen libertärer Exegese. Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum” des Herausgebers Sebastian Kalicha, in dem versucht wird, einleitend einige allgemeine Reflexionen zum Thema – geschrieben aus einer anarchistischen Perspektive – anzustellen. Der Beitrag unterzieht den oftmals als unüberwindbar dargestellten Graben zwischen Anarchismus und Christentum einer kritischen Betrachtung und versucht darauf aufbauend zentrale Themen im christlich-anarchistischen Diskurs überblicksmäßig zu diskutieren sowie unterschiedliche Positionen christlicher AnarchistInnen zu bestimmten Themen darzulegen.
    Der Text von Alexandre Christoyannopoulos “Die Bergpredigt – ein christlich-anarchistisches Manifest. Ausgewählte Passagen libertär interpretiert” rückt die von christlichen AnarchistInnen betriebene libertäre Exegese – in diesem Falle von Passagen der Bergpredigt – in den Mittelpunkt. Inhaltlich liegt der Fokus auf dem Verhältnis des Christentums zur Staatsmacht. Was kann aus der Bergpredigt dazu hergeleitet werden? Während zum Beispiel BefreiungstheologInnen durch ihre Solidarität mit den Armen und Marginalisierten häufig eine christliche Kapitalismuskritik in den Mittelpunkt ihres Engagements und ihrer Exegese rückten (und sich damit einhergehend oftmals positiv auf den Marxismus bezogen), so konzentriert sich Alexandre Christoyannopolous mit seiner Analyse darauf, den Staat und all seine Institutionen aus christlicher Sicht zu delegitimieren. Er stellt somit jenen Aspekt in den Mittelpunkt seines Beitrags, der auch fernab von religiösen Zugängen zum Thema den Anarchismus von anderen Formen des Sozialismus am stärksten unterscheidet. Ein weiterer Fokus seiner Analyse liegt auf einer christlich-anarchistischen Gewaltkritik. Dabei diskutiert er auch das Thema eines sich aus der Bergpredigt herleitenden und manchmal wörtlich verstandenen christlichen Nicht-Widerstands. Dieses Thema und diverse Interpretationen sind nicht unumstritten. Auch in christlich-anarchistischen Zusammenhängen wird hier häufig von der Tolstoischen Terminologie des “Nicht-Widerstands” (wobei Tolstoi selbst in seinen Schriften hier manchmal inkonsistent war) Abstand genommen. Ein Blick auf die Geschichte des christlich-anarchistischen Aktivismus zeigt deutlich, dass diese Bewegung teilweise weit davon entfernt war und ist, im Sinne eines wörtlich verstandenen Nicht-Widerstands lediglich passiv der Dinge zu harren. Wie Christoyannopoulos aber zeigt, gab und gibt es zu diesem Thema einige unterschiedliche Ansichten, die in dem Artikel behandelt werden.
    Dave Andrews schließt mit seinem Text “Die subversive Spiritualität der Christi-Anarchy. Eine Studie zu radikaler biblischer Politik” an die libertäre Exegese des eben vorgestellten Artikels an und analysiert einige weitere für christliche AnarchistInnen wichtige Bibelpassagen fernab der Bergpredigt und rundet somit die libertäre Exegese im Sammelband ab. Der Text beschränkt sich dabei nicht nur auf das Neue Testament, sondern analysiert auch Teile des Alten Testaments sowie der unter christlichen AnarchistInnen sehr unterschiedlich und manchmal eher kritisch rezipierten Paulusbriefe.
    Simon Moyle diskutiert in seinem Text “Christlicher Anarchismus. Überlegungen zu Theorie und Praxis”, wie christlich-anarchistische Überzeugungen in der Theorie zu einem aktivistischen, aktiven gewaltfreien Widerstand in der Praxis führen. Das Konzept des passiven Nicht-Widerstands ablehnend, beschreibt er einige Aktionen, die er und andere christliche AnarchistInnen aus Australien und Neuseeland in den letzten Jahren organisiert haben und stellt ebenso einige theoretische Überlegungen zum Thema an.
    Tom Cornell, Langzeitaktivist der Catholic-Worker-Bewegung und Pionier der US-amerikanischen Anti-Vietnamkriegsbewegung, porträtiert in seinem Artikel “Dorothy Day, Ammon Hennacy und der Anarchismus. Leben und Werk zweier Catholic Workers” diese beiden zentralen Figuren der Catholic-Worker-Bewegung. Dorothy Day, mit der der Autor 27 Jahre lang zusammenarbeitete, war 1933 gemeinsam mit Peter Maurin die Gründerin dieser Bewegung und ist bis heute ihr wohl bekanntestes Gesicht. Ammon Hennacy, den Cornell ebenfalls persönlich kannte, war von 1953-1965 Teil der Catholic Workers in New York City, wichtiger Wegbegleiter Dorothy Days und schon fast so etwas wie ein Paradebeispiel eines unermüdlichen christlich-anarchistischen Aktivisten. Mit seinem Konzept der “One Man Revolution” formulierte er seine ganz spezifische Konzeption des christlichen Anarchismus aus. Im christlich-anarchistischen Spektrum sind die Catholic Workers etwas Besonderes, weil sie den Anarchismus nicht nur mit dem Christentum, sondern gar mit dem Katholizismus in Verbindung bringen und somit den für (christliche) AnarchistInnen nicht unproblematischen Bereich der institutionalisierten Religion betreten. Dass die Catholic-Worker-Bewegung aber trotz dieser Abweichung von üblichen christlich-anarchistischen Konzeptionen als wichtiger Teil dieser Strömung gesehen wird, ist unbestritten. Tom Cornells Beitrag ist zudem nicht nur ein persönliches Porträt von Day, Hennacy und der Catholic-Worker-Bewegung, sondern (notgedrungen) auch eine spannende Reise in die Geschichte sozialer Protestbewegungen in den Vereinigten Staaten seit der Zwischenkriegszeit.
    Anschließend stellt Lou Marin in seinem Artikel “Biblischer Anarchismus. Der Zusammenhang Christentum-Gewaltfreiheit-Anarchismus bei Jacques Ellul (1912-1994)” den französischen Soziologen und Philosophen Jacques Ellul vor, der zweifelsohne einer der herausragendsten und interessantesten christlich-anarchistischen TheoretikerInnen des 20. Jahrhunderts ist und viel zur christlich-anarchistischen Theoriebildung beigetragen hat. Im Mittelpunkt von Marins Analyse steht Elluls Buch Anarchie et christianisme (Anarchie und Christentum), in dem er sein Verständnis eines aus der Bibel herleitbaren Anarchismus skizziert.
    Der letzte Artikel des Sammelbandes “Peter Chelïický und das Netz des Glaubens. Zur Ketzertradition des gewaltfreien Anarchismus” von Sebastian Kalicha und Gustav Wagner wagt einen weiten Sprung in die Geschichte und beschäftigt sich mit dem Laientheologen, Reformator und Vorläufer des christlichen Anarchismus Peter Chelcický, der bereits im Tschechien des 14./15. Jahrhunderts – in Zeiten von Ketzerverfolgung und Hussitenkriegen – Dinge ausformulierte, die heute ganz klar dem christlich-anarchistischen Spektrum zurechenbar sind. Chelcický kann und wird heute daher als einer der frühesten Vorläufer und als Inspiration für den christlichen Anarchismus betrachtet – und der Artikel wird zeigen, weshalb dem so ist. Hier wird deutlich, wie weit zurück die libertär-christliche Tradition reicht, auf die sich heutige christliche AnarchistInnen berufen können.

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